Enrico und ich brechen in dieser Folge eine Lanze für die Licks. Ich spiele mein altes Clapton-Lick in C, Enrico sein Auftakt-Lick in A, und wir erzählen, warum wir übers Raushören Gitarre spielen gelernt haben.
Das Video wird erst beim Klick von YouTube geladen.Warum klingt mein Solo eigentlich immer gleich?
Kennst du das? Der Backing Track läuft, der Amp ist warm, und nach drei Takten landest du wieder bei denselben Pentatonik-Licks wie seit Jahren.
Enrico und ich haben in unserer Folge „Sei ein Lick Player!“ mal mit Absicht nur die Tonleiter über einen Blues gespielt, kein einziges Lick. Klingt nicht falsch. Aber es passiert halt nichts.
Da fehlt einfach das Vokabular. Man versucht, aus einzelnen Buchstaben eine Phrase zu bauen, und das wird selten befriedigend. Die Spieler, bei denen man nach dem Konzert rausgeht und sagt „Boah, war das stark“, die haben viele Phrasen drauf. Viele Wörter.
Eins meiner ersten Licks war von Clapton
An mein allererstes Lick kann ich mich ehrlich gesagt nicht mehr erinnern. Eins der ersten war aber sicher von Eric Clapton, ich glaube aus „Have You Ever Loved a Woman“, ein Blues in C. Ich war ein großer Clapton-Fan, ich wusste es nicht besser, ganz ehrlich. Aber es hat mich total abgeholt.
Mit so einem Lick hast du sofort die Eintrittskarte in einen Stil. Du spielst einen Takt, und du klingst nach Blues. Enrico sagt dazu: Man hat vielleicht wenig Hintergrundwissen, aber das Lick gefällt einem, und man kann es schnell umsetzen. Ein super Einstieg.
Wie lernen eigentlich Kinder sprechen?
Wir verstehen uns im Gespräch, weil wir dieselben Vokabeln kennen. Keiner buchstabiert ständig neu, „A, F, T, B, B, S …“. Da würde die Unterhaltung ziemlich schnell zusammenbrechen.
Kinder lernen Wörter wie „Hubschrauber“, „Löffel“ oder „Weihnachten“ und sagen ganze Sätze, lange bevor sie wissen, was Grammatik ist. Sonst könnten sie sich erst mit zehn Jahren unterhalten.
Und trotzdem höre ich von vielen Gitarristen: „Ich muss erst alles verstehen, bevor ich improvisieren darf.“ Totaler Quatsch. Klar ist es gut zu wissen, warum etwas funktioniert. Das kommt später, nicht vorher.
Bei SUPERGAIN sagen wir es so: Ein Lick ist wie ein neues Wort. Erst wenn du es in eigenen Sätzen benutzt, gehört es dir.
Lieber ein Lick, das gut klingt, als fünf Lagen pauken
Viele Gitarrenbücher fangen sofort mit dem ganzen Griffbrett an. Das ist, als würdest du für den Führerschein erst mal alle Straßennamen der Welt lernen. Funktioniert nicht. Besser ist eine Phrase, die richtig gut klingt. Dann wächst die Motivation, und die Skala erweitert sich ganz automatisch.
Am Anfang reichen wenige Töne. Die A-Moll-Pentatonik in einer Lage zum Beispiel, oder nur die oberen drei Saiten. Wie mit Stützrädern.
Nebenbei lernst du aus Licks wahnsinnig viel über das Instrument. Enricos Lick in der Folge ist ein Auftakt-Lick in einem Blues in A, und da steckt schon das Positions-Sliding drin, also das Rutschen von einer Lage in die nächste. An einer anderen Stelle kommt derselbe Ton auf zwei Saiten, typische Gitarrentechnik. Deswegen ist Lernen nah an der Musik so cool.
Und was mache ich jetzt mit dem Lick?
Jetzt kommt der schöne Teil. Wenn du weißt, dass mein Clapton-Lick in C liegt, schiebst du es für einen Blues in E einfach vier Bünde höher. Danach probierst du es in einem Stück, das stilistisch ganz woanders liegt.
Enrico erklärt in der Folge, dass sich ein Lick mit der Zeit verändert, wenn es in dein Vokabular wandert. Irgendwann ist es nicht mehr der Auftakt zu diesem einen Blues, sondern der Auftakt deines Solos oder dein nächster Übergang. Dann ist es dein eigenes Lick.
- 01
Such dir ein Lick, das dich richtig abholt, und hör es dir ein paar Mal an.
- 02
Spiel es langsam in der Originaltonart, bis es von allein läuft.
- 03
Schieb es in eine andere Tonart, zum Beispiel von C nach E.
- 04
Setz es an eine andere Stelle im Solo, etwa als Auftakt oder als Übergang.
- 05
Leg das Handy aufs Notenpult und nimm ein paar Sekunden davon auf.
Wie komme ich aus der Pentatonik-Box raus?
Die Frage hören wir ständig: „Was mache ich denn mit der Pentatonik?“ Ganz ehrlich, schau doch, was die anderen damit machen. Man muss das Rad nicht im Keller neu erfinden. Oder wie Robben Ford gesagt hat, wir erzählen es in der Folge: „Alles, was du wissen musst, ist in deinem Plattenschrank.“ Heute halt in der Playlist.
Klar, Raushören ist für viele schwierig. Früher war das normal, und durch das Raushören haben wir Gitarre spielen gelernt. Du musst dabei nicht jede Note hundertprozentig treffen. Lass eine Note anders sein, völlig egal. Es geht ums Feeling und ums Entdecken. In der Folge fällt dazu ein Satz, den ich mir merken würde: „Früher hatte ich den Anspruch. Heute filtere ich mir sofort das raus, was ich in mein Spiel integrieren will.“
Und die Angst, wie eine Kopie zu klingen? Wenn du nur einen einzigen Gitarristen kopierst, klingst du vielleicht wie eine schlechte Kopie. Ganz einfach: Du bist nicht der. Jeder hat seinen eigenen Fingerabdruck auf der Gitarre, so wie du am Telefon jemanden erkennst, bevor er seinen Namen sagt. Der Mix aus Wörtern von vielen Spielern macht später deine Sprache aus.
Und dieses „Der spielt ja nur Licks“? Sehe ich ganz anders. Alle Großen haben bei irgendjemandem hingehört und daraus ihr eigenes Ding gemacht. Ohne Wörter kann niemand ein Buch schreiben.
Was uns Marcus Deml über Melodien erzählt hat
Marcus Deml hat uns bei SUPERGAIN TV erzählt, er sei vom Gitarren-Nerd zum Musik-Nerd geworden. „Ich übe eigentlich nicht mehr, ich spiele sehr viel“, sagt Marcus.
Er wohnt mitten im Wald, und beim Spazierengehen oder Joggen singt er Melodien vor sich hin und nimmt sie auf. Wörtlich: „Ich singe wie ein betrunkener Opernsänger vor mich hin. Und statt das zu werten, übertrage ich es auf die Gitarre.“ Seine Melodien seien alle „sehr vokal“, und die Melodie müsse von vorne bis hinten stehen, bevor die Harmonien dazukommen.
Für dein Improvisieren nehme ich daraus mit: Sing dein Lick mal, bevor du es greifst. Was du singen kannst, sitzt anders als etwas, das nur in den Fingern hängt.
Wie wir das in der Academy machen
In der Academy läuft es so, wie wir es in der Folge sagen: Man lernt Phrasen, keine Buchstaben. Das Material geben wir dir vor, jede Woche kommen neue Lektionen mit Noten und Tabs dazu, die Jam-Tracks gibt es gleich mit. Du musst dir die Licks also nicht erst mühsam zusammensuchen.
Dann nimmst du ein paar Sekunden auf, schickst uns die Aufnahme und bekommst ein persönliches Feedback-Video von Enrico oder mir. Es muss nicht perfekt sein. Wenn du vier Sekunden Musik wirklich verstanden hast, ist das schon mega.
Häufige Fragen
Wie komme ich auf der Gitarre aus der Pentatonik raus?
Schau, was andere Gitarristen mit der Pentatonik machen, und hol dir einzelne Licks von ihnen aus deiner Playlist. Jede Note muss dabei nicht stimmen. Nimm dir einfach das raus, was du in dein Spiel einbauen willst.
Ich bin nicht der Superbrain in Theorie. Muss ich Musiktheorie können, um auf der Gitarre zu improvisieren?
Nein. Kinder sagen ganze Sätze, bevor sie Grammatik kennen, und mit Licks ist es ganz ähnlich. Warum etwas funktioniert, verstehst du später, und dann hilft es dir auch richtig.
Warum spiele ich beim Improvisieren immer die gleichen Licks?
Meistens fehlt einfach Vokabular. Lern ein neues Lick, transponier es und probier es an einer anderen Stelle im Solo aus.
Klinge ich wie eine Kopie, wenn ich Licks nachspiele?
Nur, wenn du einen einzigen Gitarristen kopierst. Jeder hat seinen eigenen Fingerabdruck auf der Gitarre, du kannst also gar nicht exakt wie jemand anders klingen. Der Mix aus Wörtern von vielen Spielern wird mit der Zeit deine eigene Sprache.
Deine erste Gain-Stufe
Drei Wochen Material per Mail. Schick uns eine Aufnahme mit deinem ersten Lick an einer neuen Stelle, und du bekommst von uns ein persönliches Feedback.
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